Emilie Schindler – eine Heldin in Oskar Schindlers Schatten

Geschichte aus erster Hand zu erfahren – dazu hatten rund 100 Schüler der 9. und 10. Jahrgangsstufen des Gymnasiums Höhenkirchen-Siegertsbrunn kurz vor den Herbstferien Gelegenheit: Professorin Erika Rosenberg, Schriftstellerin und Journalistin, bot in einem spannenden Vortrag ein anrührendes Porträt von Oskar und Emilie Schindler.

„Schule und Unterricht gelingen dann besonders, wenn sie in den Köpfen und Herzen der Schülerinnen und Schüler Spuren hinterlassen, wenn nicht nur Fakten vermittelt werden, sondern wenn ein tiefes Verständnis gefördert wird", mit diesen Worten begrüßte die Schulleiterin Claudia Gantke die Referentin, die Schülerinnen und Schüler sowie die Vertreter des Elternbeirats sowie des Fördervereins und der katholischen Pfarrgemeinde. Sie zeigte sich dankbar, mit Frau Rosenberg eine Zeitzeugin der zweiten Generation gewonnen zu haben, die dem Verschweigen und Vergessen eines der schlimmsten Kapitel der deutschen Geschichte Aufklärung entgegensetze und so zur Wertevermittlung an der Schule beitrage. Erika Rosenberg hat nach eigenen Aussagen darunter gelitten, dass für ihre Eltern – beide waren deutsche Juden, die 1936 nach Paraguay ausgewandert sind – das Thema Holocaust tabu war. Als Rosenberg 1990 Emilie Schindler kennengelernt hatte, konnte sie endlich mehr über diese Vergangenheit erfahren. Man merkte der ehemaligen Lehrerin an, wie nahe ihr Emilie Schindler gestanden haben muss, wenn sie die Begegnung mit ihr als „Fügung" bezeichnet. Aus der Begegnung der beiden Frauen wurde eine lebenslange Freundschaft, Rosenberg begleitete und betreute die alte Dame bis an ihr Lebensende und versprach ihr, ihre Geschichte so zu vermitteln, wie sie sie erzählt habe.

Zunächst erfuhren die jungen Menschen Details aus dem Leben Oskar Schindlers vor 1935. Schindler, ein Lebemann und Unternehmer, war lange Jahre, auch noch als Fabrikant, für den deutschen Geheimdienst tätig unter dem umstrittenen NS-Admiral Canaris. Er betrieb eine Rüstungsfabrik während des Zweiten Weltkrieges, für deren Produktion er Juden als Arbeiter anforderte und sie schließlich auf dem Firmengelände unterbrachte. So blieben die Menschen am Leben. Während Oskar Schindlers Verdienst an der Rettung von über 1200 Juden durch den Film „Schindlers Liste" gewürdigt und bekannt geworden war, sind Emilies Mut und Zivilcourage an der Seite ihres Mannes beinahe in Vergessenheit geraten. Sie kümmerte sich mit Hingabe um die Arbeiter und ihre Familien, stellte deren Versorgung sicher und half aus, wo sie nur konnte. Auch ihre größte Leistung, die Rettung von 100 Juden, die bereits drei Wochen in Eisenbahnwaggons ohne Essen und bei Eiseskälte unterwegs waren, ist allein ihr zu verdanken. Ein Lazarett musste aufgebaut, die Ernährung der vielen Menschen sichergestellt werden. Über all dies erfährt man in dem Film von Steven Spielberg nichts. Rosenberg klärte die Schüler über pikante Details der Filmgeschichte auf: Der Regisseur hatte Emilie Schindler ausfindig gemacht und sie eingeladen als eine von den Nazis verfolgte und von Schindler gerettete Jüdin – welch ein Irrtum! Darüber hinaus hatte Emilie Schindler niemals einen ihr zustehenden Anteil am Filmgewinn erhalten. Diese Wahrheit wirkt bitter angesichts der Tatsache, dass Emilie Schindler in äußerst bescheidenen Verhältnissen in Argentinien lebte.

Die Schüler beschäftigte das Thema sichtlich und es stellte sich für viele die Frage: Was hat Emilie bewegt, zu helfen angesichts der allgegenwärtigen Gefahr, selbst in die Fänge des NS-Regimes zu geraten? Mitleid sei ihr Beweggrund gewesen, so Rosenberg. Emilie Schindler habe sich nie als Heldin gefühlt, vielmehr habe sie immer betont: „Wir haben nur getan, was wir tun mussten".

Nach ihrer eigenen Familie gefragt, musste Erika Rosenberg einen Moment innehalten. Es gab keine Überlebenden aus der Generation ihrer Eltern. Doch die Biografin wirkte versöhnlich, als sie zum Thema Vergangenheitsbewältigung betonte: „Man muss die Geschichte kennen, aber man muss nicht mit ihr leben."

 

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